Jahrzehnte Suche / Filter
1958
1949 - 1958: Aufbruch
…Als Nikolaus Harnoncourt während seiner Ausbildung als Cellist an der Wiener Musikakademie im Jahre 1949 gemeinsam mit seiner späteren Frau Alice Hoffelner, sowie Eduard Melkus und Alfred Altenburger das Wiener Gamben-Quartett gründet, hat ihn die Alte Musik schon gefangen genommen. Das ist zwar ungewöhnlich, aber nicht völlig aus der Welt. Tatsächlich beschäftigten sich in verschiedenen europäischen Ländern schon seit dem frühen 20. Jahrhundert Musiker mit alten Stücken, die längst aus dem Repertoire verschwunden waren, aber sie taten es gerade im deutschsprachigen Raum aus sehr unterschiedlichen Motiven. Ganz im „völkischen Bewusstsein“ versuchten einige deutsche Exponenten der Alten Musik in der Vorkriegszeit, in den alten Quellen die Wurzeln der Überlegenheit der „germanischen Rasse“ aufzuspüren und nachzuweisen. Und so nimmt es nicht Wunder, dass nach dem Krieg einige Ewiggestrige ihre Gesinnung unter dem Schutzmantel der Aufführungspraxis weiter pflegten. Ganz konträr dazu sind es gerade einige der von den Nazis verfemten „entarteten“ Komponisten, die in der Alten Musik eine Nähe zum eigenen neuen Schaffen sehen und gerade die unbelasteten, nicht durch die Romantik und den schwülstigen Zeitgeist verbogenen, authentischen Musikwerke suchen. Schon in der Vorkriegszeit hatten sich ja Avantgardisten wie Ravel und Strawinsky mit Renaissance- und Barockmusik beschäftigt und dort Anregungen gefunden, um sich durch Motorik von der als Gefühlskitsch empfundenen traditionellen Romantik zu befreien. Und eine ganz entscheidende Rolle spielt dabei der aus dem Exil zurückgekehrte Paul Hindemith. Er unterstützt die Aufführung Alter Musik nach Kräften und ermutigt eine junge Generation von Studenten, in der Vergangenheit nach neuer Anregung zu suchen. Ihm und seinen Schülern geht es gerade darum, in den Archiven das Frische, das Unbelastete, das eben nicht Vergiftete aufzuspüren und neu für die eigene Kunst in Anspruch zu nehmen. Ein Geist, der Nikolaus Harnoncourts studentisches Leben prägt. Während Nikolaus Harnoncourt 1952 die Akademie vor der Abschlussprüfung verlässt und als Cellist bei den Wiener Symphonikern unter Herbert von Karajan angestellt wird – der Beginn einer antipodischen Beziehung, die Jahrzehnte währen sollte – , entwickelt sich seine Kenntnis der Alten Musik immer weiter. 1953 heiraten seine musikalische Partnerin Alice und er und machen sich gemeinsam auf, nach Noten und alten Instrumenten zu suchen. Sie gründen ein Ensemble, das 1954 noch ohne Namen unter Paul Hindemith im Wiener Konzerthaus mit Monteverdis „L’Orfeo“ auftritt und schließlich 1957 als „Concentus Musicus Wien“ mit einem Konzert das wiedereröffnete Palais Schwarzenberg einweiht. Ein Aufbruch mit Folgen für die Musikgeschichte...
Mehr anzeigen