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1998
1989 - 1998: Blume der Romantik
…Doch wie die Macht der Kalten Krieger plötzlich in sich zusammenfiel, als hätten die Staatsaufmärsche voller unerschütterlichem Sendungsbewusstsein die ganze inhaltliche Leere des Systems nun lange genug übertüncht, so gaben auch die kulturellen Bastionen der Ancien Regimes der westlichen Nachkriegskultur nach. 1988 noch die Bedrohung ante Portas, dirigiert Nikolaus Harnoncourt 1992 erstmals bei den Salzburger Festspielen ein Kernstück des klassischen Repertoires: Beethovens „Missa Solemnis“. Die neu errungenen Aufführungsmöglichkeiten nutzt Nikolaus Harnoncourt nicht etwa zu einer Konsolidierung des Erreichten, sondern im Gegenteil zu einem geradezu explosiven Aufbruch. In dem Maße, in dem ihm Veranstalter und Öffentlichkeit die Chance bieten, Neues auszuprobieren und zu erfahren, nutzt der Dirigent dies zu Forschungsreisen in musikalische Regionen, die ihn immer näher an die Gegenwart führen, bis hin zu Alban Berg und Bela Bartok. Ein besonderer Platz wird dafür mehr und mehr das schon 1985 gegründete Grazer Festival styriarte, das Nikolaus Harnoncourt in seiner Heimatstadt die Chance bietet, jeden seiner neugierigen Schritte in neue Welten zu konkretisieren. So kommt es zu einer Reihe von denkwürdigen Zyklen mit sinfonischer Musik, die über Mitschnitte auf CD die Welt begeistern, allen voran die Aufführung aller Sinfonien von Ludwig van Beethoven. Mit besonderer Aufmerksamkeit widmet sich Nikolaus Harnoncourt in den neunziger Jahren dem großen klassischen Repertoire. Ob Schubert, Mendelssohn, Schumann, Brahms, Offenbach, Bruckner oder Dvořák, immer wieder erprobt er seine Arbeitsmethode der Quellenkritik und der grundlegenden Beschäftigung mit dem Original an Werken, zu denen scheinbar schon alles gesagt, schon alles entdeckt ist. Umso verblüffender, ja umso erschreckender wirken danach jedoch seine Deutungen, die schonungslos offen legen, wie viel Routine, wie viel Schlamperei und vor allem wie viel Bequemlichkeit uns die größten Werke der Musikgeschichte verstellt haben. Sicher, der ewige Skeptiker Nikolaus Harnoncourt warnt in allen seinen Äußerungen davor, irgendeine Interpretation von Musik für zeitlos und „authentisch“ zu halten. Ja, er glaubt sogar voraussagen zu können, dass in wenigen Jahrzehnten ein neues Publikum über seine Bemühungen ebenso lächeln wird wie wir über die gerade überwunden geglaubte Schule Karajans. Das kann ihn aber nicht davon abhalten, weiter und unnachgiebig in den Originalen nach einer für heute gültigen Wahrheit zu suchen, die eben die Wahrheit des Komponisten, des Werks ist – und nicht die Wahrheit der vorurteilsbeladenen Anderen. Diese Vorurteile können dabei durchaus weit zurückreichen. Manchmal, wie bei Robert Schumann, bis in die Zeit der Werkentstehung selbst. Auf der Suche nach der Seele der deutschen Romantik hat es ihm Schumann besonders angetan, dem schon Zeitgenossen mangelnden musikalischen Einfall und mangelnde Instrumentierungskünste vorwarfen. Wer nur die Auferstehung von Schumanns „Genoveva“ bei der styriarte 1996 erlebt hat, wird nie wieder an diesem Komponisten zweifeln, wohl aber an der eigenen Neigung, Klischees leichtsinnig zu glauben…
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