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2016
2009 - heute: Der Geschichtenerzähler
…Könnte es nicht sein, dass einer mit über achtzig Jahren alles Wichtige erzählt hat, dass der Brunnquell der Musikgeschichte ausgeschöpft erscheint? Nicht bei Nikolaus Harnoncourt. Auch wenn seine Auftritte zahlenmäßig weniger werden, inhaltlich gewinnen sie weiter an Gewicht. Bei der styriarte präsentiert er im aktuellen Jahrzehnt Gershwins „Porgy and Bess“ ebenso wie die wiederentdeckte deutsche Fassung von Smetanas „Verkaufter Braut“, die der Komponist selbst in Auftrag gegeben hatte, die aber nie gespielt wurde. Im Theater an der Wien dirigiert er Händels „Rodelinda“, bei den Salzburger Festspielen „Die Zauberflöte“, es folgen weitere große Produktionen von „Fidelio“, „Barbe Bleu“ und „Fairy Queen“. Sowohl bei den szenischen Produktionen wie den Konzerten fällt auf, wie sich das Verhältnis zwischen Publikum und Künstler inzwischen verändert hat. Stand früher das Überraschende, das Provokante, das Revolutionäre im Vordergrund, scheinen all diese Extremata inzwischen weithin akzeptiert. Sie gibt es weiterhin, aber sie ziehen den Blick nicht mehr so auf sich. Dahinter wird dafür der Blick frei auf die wahrscheinlich größte Qualität des Künstlers Nikolaus Harnoncourt, auf seine Leidenschaft, Geschichten zu erzählen. Er ist einfach ein begnadeter, unübertroffener Geschichtenerzähler. Und je länger man ihm bei den Proben zuhört, je mehr Aufführungen man erlebt, je klarer wird, dass er reine Kommunikation betreibt. Er hat etwas zu sagen mit der Musik und er will verstanden werden. Nur darum geht es, darum lässt er nicht nach. Und so kommt es, dass er im Sommer 2014 wieder einmal aufbricht, die Welt neu zu erklären. Diesmal mit den letzten Sinfonien von Mozart. In Harnoncourts Erkenntnis sind sie ein Instrumental-Oratorium in drei Teilen, ein Triptychon aus reiner Musik. Und gemeinsam mit dem Concentus Musicus Wien teilte er diese Erkenntnis, man darf auch sagen Offenbarung, seinem Publikum in Graz und Salzburg mit, darüber hinaus in einer Aufnahme jedem anderen, der nicht dabei sein konnte. 2015 schließt er - wieder zuerst in Graz, dann in Salzburg - seine radikale Neudeutung von Beethovens Missa solemnis an und plant, als Gipfel und Vollendung seiner jahrzehntelangen Beethoven-Exegese, eine Gesamtaufführung und -Aufnahme aller Beethoven Sinfonien mit dem Concentus Musicus Wien bei der styriarte. Doch dazu kommt es nicht mehr. Einen Tag vor seinem 86sten Geburtstag, am 5. Dezember 2015, beendet Nikolaus Harnconcourt seine Dirigentenlaufbahn - seine Gesundheit gestattet nicht mehr; nur drei Monate später, am 5. März 2016, verstirbt er im Kreise seiner Familie im Haus am Attersee.
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