Eine ausführliche Biographie

Nikolaus Harnoncourt wurde am 6. Dezember 1929 in Berlin geboren. Während der Vater aus dem Geschlecht der luxemburgisch-lothringischen Grafen de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt stammte, war die Mutter als Gräfin Meran und Freiin von Brandhofen eine Urenkelin des steirischen Habsburger-Erzherzogs Johann (1782-1859), einer der faszinierendsten Persönlichkeiten der österreichischen Geschichte des 19. Jahrhunderts.

In Berlin war Harnoncourts Vater Eberhard als Bauingenieur an der Errichtung des Spree-Havel-Kanals beteiligt gewesen, doch schon wenige Jahre nach Nikolaus‘ Geburt ging die Familie zurück in die alte Heimatstadt Graz, wo Nikolaus und seine Geschwister Alice, Renatus, Philipp, Juliana, Karl und Franz im Palais Meran aufwuchsen. In einem Teil des Gebäudes, das die Großeltern mütterlicherseits bewohnten, fand der nicht sehr begüterte Zweig der Familie Harnoncourt Unterkunft. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland im Jahr 1938 wurde das von Erzherzog Johann errichtete Palais zwangsverkauft, seit 1963 ist es Sitz der Grazer Universität für Musik und Darstellende Kunst.

Schon von Kindheit an machte sich ein bestimmender Wesenszug Harnoncourts bemerkbar: Vorhandene Meinungen und Urteile wurden zunächst einmal abgelehnt, damit er sich dann unbefangen und selbständig seine eigenen bilden konnte: „Ich konnte nichts einfach so akzeptieren.“ In diesem Wesenszug wurde er mit dreizehn Jahren von der „Kulturgeschichte der Neuzeit“ des Wiener Kulturhistorikers, Feuilletonisten, Kabarettisten und Schauspielers Egon Friedell, der 1938 beim Einmarsch der Nazis in Österreich Selbstmord beging, bestätigt – Friedell wurde somit zu einem der Leitsterne in Harnoncourts weiterem Leben.

In den Jahren an der Volksschule begann Nikolaus, beim Grazer Musiklehrer Hans Kortschak Cellounterricht zu nehmen. Außerdem versuchte er sich mit seinem Bruder Philipp vierhändig auf dem Klavier. Als Ministranten im Grazer Dom erwerben sich die beiden zudem elementare Kenntnisse der Kirchenmusik. Vor allem aber wurde im Kreis der Familie mit Vater, Mutter und Geschwistern regelmäßig musiziert.

Zu Weihnachten 1944 zog die Familie nach Grundlsee im Salzkammergut. Da Graz das ganze Jahr über Ziel heftiger Bombenangriffe gewesen war, hatte man beschlossen, sich in der Fremdenpension einer Tante einzuquartieren. Dies sollte sich für die musikalische Karriere Harnoncourts als Glücksgriff erweisen, da er hier dem Cellisten Paul Grümmer begegnete. Dieser, Mitglied des legendären Busch-Quartetts, zudem ein hervorragender Pädagoge, zuvor tätig an der Wiener Musikhochschule, erklärte sich bereit, dem Dreizehnjährigen Cellounterricht zu erteilen. Auch als Harnoncourt nach dem Krieg nach Graz zurückkehrte und dort seine Stunden bei Hans Kortschak wieder aufnahm, behielt Grümmer bis 1948 die Aufsicht über die Ausbildung des talentierten Schülers, der jedoch eine musikalische Karriere noch nicht in Betracht zog.

Denn seit 1944 beschäftigte sich Nikolaus auch intensiv mit dem Marionettentheater, inspiriert von einem Aufsatz Heinrich von Kleists „Über das Marionettentheater“. Voller Elan schnitzte er selbst die Puppen, klebte Kleider, baute eine Bühne, organisierte ein Team und gab Vorstellungen. Trotz großen Erfolges – eine seiner Produktionen im Grazer Palais Attems brachte es auf 20 Aufführungen – rechnete sich Harnoncourt aus, dass er vom Marionettentheater aufgrund des großen Aufwandes nicht würde leben können.

Ein Schlüsselerlebnis – Harnoncourt hört im Herbst 1947, zu Beginn seines letzten Schuljahres, im Radio Beethovens 7. Symphonie unter Furtwängler – wies ihm den weiteren Weg: Im Herbst 1948 übersiedelte Nikolaus nach Wien, um an der Wiener Musikakademie zu studieren: als Schüler bei Emanuel Brabec, einem der zwei Solocellisten der Wiener Philharmoniker. 1952 schloss er die Akademie mit Auszeichnungen ab und wurde im Herbst desselben Jahres als Cellist bei den Wiener Symphonikern unter Chefdirigent Herbert von Karajan aufgenommen. Die Stelle sollte er bis 1969 innehaben.

Bereits 1949 hatte Harnoncourt gemeinsam mit Eduard Melkus, Alfred Altenburger und seiner späteren Frau Alice Hoffelner das Wiener Gamben-Quartett gegründet – Ausdruck des Beginns der Beschäftigung mit Alter Musik sowie der Erforschung der Spielweise und des Klanges alter Instrumente. Damals „ein obskures Reservat für ein paar Spinner, umweht vom Ruch des Dilettantismus und ohne jede Relevanz für das Konzertleben“. Josef Mertin, Lehrer am Collegium Musicum in Wien, war der lokale Pionier, bei dem auch Harnoncourt und sein Kreis lernten. Im Bach-Jahr 1950 präsentierten Mertins Studenten „Die Kunst der Fuge“ als Gamben-Quartett im Rahmen der Albertina-Konzerte – das Presseecho war gemischt.

1953 heiratete Harnoncourt Alice Hoffelner, die ihm bis 1961 vier Kinder schenkte. Gemeinsam mit ihr und einigen weiteren Musikerkollegen gründete der Cellist im selben Jahr den Concentus Musicus Wien, um seiner immer intensiveren Arbeit mit Originalinstrumenten und der musikalischen Aufführungspraxis von Renaissance- und Barockmusik ein Forum zu geben. Lange Zeit nur im privaten Kreis agierend, wagte der Concentus Musicus erst im Mai 1957 den Schritt an die Öffentlichkeit – mit einem Konzert zur Wiedereröffnung des Palais Schwarzenberg in Wien.

Besonders wichtig für den Aufbau dieses Spezialensembles waren natürlich adäquate Instrumente. Harnoncourt begann bereits in den 1950er Jahren historische Instrumente zu sammeln, was die Familie zu teils rigorosem Verzicht zwang: „Für Musikinstrumente haben wir fast alles getan.“ Beim Erwerb der Instrumente war nicht nur Geld vonnöten, sondern auch die richtigen Kontakte, Fingerspitzengefühl, und manchmal sogar List mussten eingesetzt werden. Über seine diesbezüglichen Abenteuer hat Harnoncourt Ende der 60er Jahre eine Reihe von amüsanten Aufsätzen verfasst, die seine innige Beziehung zu jedem einzelnen Stück, seine Strategien gegenüber Mitbewerbern und den Nervenkitzel beim Erwerb hautnah vermitteln.

Die Anfänge des Concentus Musicus waren schwierig. Zu Beginn gaben die Skeptiker unter den Kritikern den Ton an. Sie bemängelten die fehlende Brillanz des Gesamtklanges, die „Unzulänglichkeiten“ der alten Blasinstrumente, den „kurzen Geigenstrich“ und vieles mehr.
Doch Harnoncourt setzte seine Arbeit hartnäckig fort, und schon 1958 begann für den Concentus Musicus eine regelmäßige Konzerttätigkeit im Palais Schwarzenberg. Von 1962 bis 1971 spielten die Musiker eigene Konzertserien im Wiener Konzerthaus. 1966 unternahm der Concentus Musicus seine erste Amerikatournee, 1968 die erste durch Deutschland.

Parallel zum Musizieren entwickelte Nikolaus Harnoncourt auch in musikphilosophischen Schriften seine Analysen der „Musik als Klangrede“ – bis heute Standardwerke der historischen Aufführungspraxis, die Eröffnung eines Kosmos von vergessenen Werken und verschütteten Klangerfahrungen.

Von 1973 bis zu seiner Pensionierung 1993 unterrichtete Harnoncourt als Professor an der Hochschule Mozarteum in Salzburg Aufführungspraxis und historische Instrumentenkunde im Seminar „Theorie und Praxis der Alten Musik“ – Harnoncourt hatte allerdings großen Wert darauf gelegt, dass die „Alte Musik“ Werke bis 1900 einschließt.

1971 begann Nikolaus Harnoncourt gemeinsam mit dem Cembalisten Gustav Leonhardt, mit dem er seit 1950 befreundet war, die sich bis 1989 erstreckende Gesamteinspielung der Bach-Kantaten. Mit dabei natürlich der Concentus Musicus Wien und das Leonhardt-Consort.

1972 gab Harnoncourt mit Monteverdis „Il ritorno d’Ulisse in patria“ an der Piccola Scala in Mailand sein Debüt am Dirigentenpult, nachdem er die Oper ein Jahr zuvor bei den Wiener Festwochen noch vom Instrument aus geleitet hatte. Aufführungsgeschichte schrieb er zusammen mit dem Bühnenbildner und Regisseur Jean-Pierre Ponelle am Opernhaus Zürich: Von 1975 bis 1979 erstreckte sich ein inzwischen legendärer Zyklus von Monteverdi-Opern, beginnend mit L’Orfeo. Dem schloss sich – ebenso richtungweisend – in den Jahren 1980-1989 ein Zyklus von Mozart-Opern an (Lucio Silla, Mitridate re di Ponto, Don Giovanni, etc.). Speziell für diese Zyklen hatten sich aus dem regulären Orchester des Opernhauses das Monteverdi- und das Mozart-Ensemble des Opernhauses Zürich gebildet, die auf Originalinstrumenten spielten. Der erste Auftritt als Dirigent in Österreich erfolgte 1980 im Rahmen der Salzburger Mozartwoche mit dem Concertgebouw Orkest Amsterdam.

Im Jahr 1985 wurde in Graz das Festival styriarte gegründet. Einige Grazer hatten schon lange überlegt, wie sie den berühmten Sohn der Stadt nach Graz zurückholen könnten. Aufgrund eines Zufalls fand sich Platz im Terminkalender des Dirigenten – und die styriarte ist bis heute gleichsam eine Plattform für Harnoncourt und seine richtungweisende Arbeit geblieben. Im Eröffnungsjahr führte Harnoncourt mit dem Concentus Musicus die beiden Bach-Passionen auf. Viele aufsehenerregende Aufführungen, etwa von Schuberts geistlichem Drama „Lazarus“, von Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“ oder von Verdis Requiem sollten folgen. Seit 2003 sind seine Opernproduktionen die Höhepunkte des Festivals (Offenbachs „La Grande-Duchesse de Gérolstein“ 2003, Bizets „Carmen“ 2005, Mozarts „Idomeneo“ 2008, Gershwins „Porgy and Bess“ 2009, Smetanas „Die verkaufte Braut“ 2011, Offenbachs „Barbe bleue“ 2013, Purcells „The Fairy Queen“ 2014).

1987 leitete Harnoncourt den Concentus Musicus zum letzten Mal von Cello aus. Seine Tätigkeit als Dirigent führte ihn seit den 70er Jahren an die großen Opernhäuser und brachte ihn mit vielen der führenden Orchester zusammen. Stationen waren die Hamburger Staatsoper mit Beethovens „Fidelio“, die Wiener Staatsoper mit einem Mozart-Zyklus, schließlich auch die Salzburger Festspiele mit Monteverdis „L’incoronazione die Poppea“ und Mozarts „Le nozze di Figaro“, „Don Giovanni“ und „La clemenza di Tito“. Dazwischen immer wieder Zürich, ein Opernhaus, dem er bis heute die Treue hält: Webers „Freischütz“, Schuberts „Des Teufels Lustschloss“ und „Alfonso und Estrella“, Offenbachs „La belle Hélène“, „La Périchole“ und „La Grande-Duchesse de Gérolstein“, oder Verdis „Aida“.

In der Orchesterarbeit sind es das Concertgebouw Orkest Amsterdam, das Chamber Orchestra of Europe, die Wiener und die Berliner Philharmoniker, mit denen Nikolaus Harnoncourt ein großes Repertoire zyklisch erarbeitet und immer wieder neu entdeckt: Werke von Haydn und Mozart, Beethoven, Mendelssohn, Schubert, Schumann, Brahms, Dvorák und Bruckner, aber auch von Bela Bartók und Alban Berg.

Harnoncourt ist kein bequemer Dirigent für Orchester. Er verteilt sein eigenes Stimmenmaterial, in dem „tradierte“ Fehler ausgemerzt und die für seine Interpretation wesentlichen Vortragszeichen eingetragen sind. Er konzentriert sich auf Passagen, in denen es gilt, Details auszuarbeiten. Was er voraussetzen zu können glaubt, probt er kaum oder gar nicht. Bewusst hat er bis heute auf die Stellung als Chefdirigent bei einem etablierten Orchester verzichtet, um nicht in seiner künstlerischen Entwicklung und Freiheit eingeschränkt zu sein.

Harnoncourt und sein Werk wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter der Erasmus-Preis 1980, die Goldene Ehrennadel der Deutschen Schallplattenkritik für seine Verdienste um die Alte Musik 1985, der Polar Music Prize der Schwedischen Königlichen Musikakademie 1994, der Grammy für die beste Choreinspielung 2001, der Ernst-von-Siemens-Musikpreis 2002, den Echo Klassik 2010, das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien 2011, die Gold Medaille der Royal Philharmonic Society 2012 u.v.m.

In einer Rede zum Abschluss des Mozart-Jahres formulierte Nikolaus Harnoncourt 1991 sein von fundamentalem Ernst geprägtes Verständnis von Musik: „Wir Musiker – ja alle Künstler – haben eine machtvolle, ja heilige Sprache zu verwalten. Wir müssen alles tun, dass sie nicht verloren geht im Sog der materialistischen Entwicklung. Es ist nicht mehr viel Zeit, wenn es nicht gar schon zu spät ist, denn die Beschränkung auf das Denken und die Sprache der Vernunft, der Logik, und die Faszination durch die damit erzielten Fortschritte in Wissenschaft und Zivilisation entfernen uns immer weiter von unserem eigentlichen Menschentum. Es ist wohl kein Zufall, dass diese Entfernung mit der Austrocknung des Religiösen Hand in Hand geht: Die Technokratie, der Materialismus und das Wohlstandsdenken brauchen keine Religion, kennen keine Religion, ja nicht einmal Moral.
Die Kunst ist eben keine hübsche Zuwaage – sie ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet, sie garantiert unser Mensch-Sein.“

Am 5. Dezember 2015 teilte Nikolaus Harnoncourt seinem Publikum in einem offenen Brief mit, dass er sich ab sofort von der Bühne zurückziehen werde.

Am 5.3.2016 ist Nikolaus Harnoncourt friedlich im Kreise seiner Familie entschlafen.

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