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Zum 75. Geburtstag Nikolaus Harnoncourts

Eine Laudatio von Bernhard Trebuch

Musik - Harnoncourts heilige Sprache

„Die Morgenlandfahrer besaßen die Fähigkeit, Musiken früherer Epochen in der vollkommenen, alten Reinheit auszuführen, also zum Beispiel eine Musik von 1600 oder 1650 genauso zu spielen und zu singen, als seien alle später hinzugekommenen Moden, Verfeinerungen, Virtuositäten noch unbekannt.“ Dies geschah „zu einer Zeit, wo die Sucht nach Dynamik und Steigerung alles Musizieren beherrschte und wo man über der Ausführung und der Auffassung des Dirigenten beinahe die Musik selbst vergaß und die Zuhörer aufhorchten und zum ersten Mal in ihrem Leben Musik zu hören glaubten, als ein Orchester der Morgenlandfahrer zum ersten Mal öffentlich eine Suite aus der Zeit vor Händel vollkommen ohne Schwellungen und Abschwellungen spielte“.

Mit diesen Worten lässt Hermann Hesse in seinem „Glasperlenspiel“ (1943) den Magister Ludi Josef Knecht von etwas träumen, was für uns heute längst zur Gewohnheit wurde, die stilgerechte Interpretation von (Alter) Musik. Zehn Jahre nach Hesses „Glasperlenspiel“ gründete Nikolaus Harnoncourt mit einigen gleich gesinnten Musikern den Concentus Musicus Wien, jenes „Instrument“, mit dem er viele seiner Ideen umsetzt, mit dem er die Interpretation von Musik des 17. und 18. Jahrhunderts revolutionierte.

Ich hätte mir damals, als ich mit 14 Jahren die Bach’sche „Matthäus-Passion“ auf „Originalinstrumenten“ mit Nikolaus Harnoncourt und dem Concentus Musicus Wien zum ersten Mal hörte, nicht erträumt, zum „75er“ des Musikers und Dirigenten Harnoncourt diese Zeilen schreiben zu dürfen. Ich muss um Entschuldigung bitten, wenn der Text eher persönlich ausfällt und ganz und gar nicht den Anspruch erhebt, ein biografischer Abriss, eine Dokumentation der unzähligen musikalischen Entdeckungsreisen, zu denen Harnoncourt bisher aufgemuntert hat, zu sein.

So seien aus meinen Hörbegebenheiten mit Harnoncourt lediglich wenige markante Aspekte angeführt. November 1979: Der „Goldene Saal“ des Wiener Musikvereins ist bis zum letzten Platz gefüllt. Wir Studenten werden am Stehplatz regelrecht zusammengepfercht. Mit den Wiener Sängerknaben (am Orgelbalkon postiert), dem Schwedischen Rundfunkkammerchor, der Choral Schola Amsterdam und dem Concentus Musicus unter Nikolaus Harnoncourt steht ein Monumentalwerk abendländischer Kirchenmusik auf dem Programm: die Marienvesper von Claudio Monteverdi, die als EBU-Konzert von Österreich 1 live übertragen wird.

Bereits der Anfangschor „Domine ad adjuvandum me festina“ mit den fanfarenartigen Motiven der Instrumente geht „unter die Haut“. Meisterhaft gelingt es Harnoncourt, die Spannung bis zum Schluss dieses äußerst komplexen und virtuosen Werkes, den verzahnten Amen-Rufen im Magnificat, durchzuhalten. Nicht enden wollender frenetischer Applaus, Bravo-Rufe: So ging dieses Konzert und die vielen Konzerte, die ich danach in Wien, Graz, Stainz, Luzern oder Salzburg miterleben durfte, zu Ende. Beifall für Harnoncourt, der einst im Musikverein noch selbst das Cembalo für die Konzerte stimmte, der wie wenige Musiker eine eigene musikalische Sprache spricht, mit seinem Musizieren unter die Haut dringt und – wie von den alten Komponisten gefordert – das Herz rührt.

Eine unverkennbare Identität, sei es bei Musik von Verdi oder Monteverdi. Ein Magier, der in musikalisches Neuland entführt (z. B. mit Bibers „Missa Alleluja“ im Wiener Konzerthaus) oder der vermeintlich Bekanntes durch seine Brille neu betrachten lässt. Harnoncourt ist eine Umkehr des Geschmacks beim Publikum (auch die „Bekehrung“ einiger Kritiker) gelungen:

Galten seine Interpretationen einst allgemein als exotisch, ja beinahe exzentrisch („er bürstet doch Mozart gegen den Strich“), ist es heute nicht nur für die jüngste Hörer-Generation absolut kurios, wenn z. B. Bach in der Manier der Kammerorchester der 1960er Jahre gespielt wird.

2003: Im Wiener Palais Schwarzenberg feiert der Concentus Musicus sein 50-jähriges Bestehen. Man schwelgt in Erinnerungen, gibt sich berührenden Momenten wie etwa der Wiederbegegnung mit dem langjährigen musikalischen Wegbegleiter, dem britischen Altisten Paul Esswood (mittlerweile längst grauhaarig), oder einer Geburtstagskantate, vorgetragen von der Harnoncourt-Tochter Elisabeth von Magnus, hin.

Quasi aus heiterem Himmel wird Nikolaus Harnoncourt vom Geiger Erich Höbarth aufgefordert, bei einer musikalischen Darbietung am Violoncello mitzuwirken. Von diesem Instrument aus hat der bis 1987 den Concentus 34 Jahre lang geleitet, hat in einer unnachahmlichen Art Recitative begleitet, der Musik den für sein Ensemble typischen „drive“ vom Bass aus gegeben. Gespielt wird eine Fantasia von Henry Purcell, die „Fantasia upon one note“. Ein polyfones Stimmengewebe, ein geniales instrumentales Rankenwerk, das auf einem fortwährend liegen bleibenden Ton ruht.

Freilich gingen die Wogen der Emotionen hoch, als Harnoncourt nach etlichen Jahren wieder mitspielte, und es werden wohl einige der Anwesenden wie ich eine „Gänsehaut“ bekommen haben, doch erscheint mir, selbst nach Abkratzen allen Pathos der Situation, der Ton des Cellos unerreicht, ruppig und zugleich elegant, tragend, jedoch nicht dominierend.

Selbst in diesem einen, gleichsam unendlichen Ton wird wieder einmal spürbar, dass Musik für Harnoncourt eine „heilige Sprache“ ist, eine Sprache, die er in die Welt hinaus spricht! Ad multos annos!

Text: Bernhard Trebuch

von Ernst Naredi-Rainer & Frido Hütter (Kleine Zeitung)

aus der Zeitschrift der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien

von Wilhelm Sinkovics (Die Presse)

von Laszlo Molnar (Salzburger Nachrichten)

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